Mein liebes Rostock,

heute ist es einmal an der Zeit, dass ich mich persönlich an Dich wende!

Im Jahre 2015 stand ich schon mit einem halben Bein in Berlin und dann hast Du mir noch einmal kurz auf die Schulter geklopft. In Berlin hatte ich ein neues Jobangebot, viele meiner Mädels leben dort und ich hatte mich gedanklich schon sehr mit der Stadt auseinandergesetzt und auch angefreundet. Dich hatte ich noch flüchtig aus der Ausbildung in Erinnerung, welche eventuell durch den Studentenkeller auch noch ein wenig verschwommener war, als sie es unter normalen Umständen gewesen wäre. Ich kannte 1-2 Freunde noch von früher, keinesfalls war die Beziehung so eng wie zu meinen Mädels in Berlin. Doch aus irgendeinem Grund habe ich mich am Ende intuitiv für Dich entschieden.

Und Du warst so gut zu mir! Du hast mir die tollsten Nachbarn geschenkt, ohne die ich hier nie so angekommen wäre, wie ich es jetzt bin. Du hast mir wundervolle neue Kollegen vorgestellt, von denen ich heute eine zu meinen allerbesten Freundinnen zähle. Und du hast mich auch noch einmal dichter ans Meer gebracht, welches ich in regelmäßigen Abständen intravenös für mein Wohlbefinden benötige. Trotzdem habe ich Dir nach nur einem Jahr den Rücken gekehrt und bin in die große weite Welt entflohen.

Nach meiner Rückkehr hast Du nur die zweite Geige gespielt. 4 Monate lang habe ich versucht mich in Hamburg über Wasser zu halten um dann am Ende festzustellen, dass mein Herz nur für eine Stadt schlägt. Voller Demut habe ich meine Sachen gepackt und mich wieder in deinen Armen niedergelassen. Es waren kaum 2 Monate vergangen und Du hattest wieder nichts besseres im Sinn, als mir den Mann meiner Träume vor die Nase zu stellen. Du hast mir eine Wohnung geschenkt, von welcher aus ich meine Freunde binnen weniger Minuten fußläufig erreichen und ich die Warnow meinen Vorgarten nennen kann.

Doch, auch ich werde älter und sehne mich das ein oder andere Mal nach einem ruhigeren Rückzugsort, mit einem kleinen Garten vielleicht. Ich will Dich nicht verlassen und dies macht die Sache zu einem großen Problem. 750.000 EUR für ein Haus am Stadtrand, 623.000 EUR für eine 4-Zimmer-Wohnung in der Stadt, das werden wir uns in diesem Leben als Normalverdiener nicht leisten können. Den Kredit müssten wohlmöglich noch unsere Urenkel abbezahlen.

Mein liebes Rostock, ich kann Dir bei Weitem nicht so viel geben, wie Du mir in all den Jahren gegeben hast. Ich kann Dir nur eine Sache bieten, wenn Du mir dafür im Gegenzug einen letzten Gefallen, ein kleines Häuschen mit Garten durch den man auch mal nackig hüpfen kann, erweist. Meine Seele!

Ich freue mich von Dir zu hören.

Deine Claudi

Am Rande – Buch der Woche: Rutger Bregman – Utopia for Realists
(06/2020)

Wer mich ein wenig besser kennt, der weiß, dass er bei dem Thema 15 Stunden Arbeitswoche meine volle Aufmerksamkeit hat.
So ungefähr bin ich auch zu diesem Buch gekommen.

Mein Kumpel Flori hat mir bei einem gemütlichen Kneipenabend im Januar erzählt, dass der Podcast ‚Gemischtes Hack‘ über dieses Buch gesprochen hat. Er hat es noch nicht einmal selber gelesen, ich habe den Podcast nicht gehört und trotzdem lag es 2 Tage später in meinem Warenkorb. Dem Thema 15 Stunden Arbeitswoche sei Dank.

Ich habe das Buch nun durchgelesen und war sehr angetan. Es ist ein Buch für alle Querdenker und Weltverbesserer da draußen und zudem auch noch ein kleines BWL Studium.
Man hat das Gefühl, dass Rutger Bregman alle Publikationen dieser Welt gelesen hat, bevor er dieses Buch geschrieben hat.

Themen wie die 15 Stunden Arbeitswoche oder ein bedingungsloses Grundeinkommen oder die Abschaffung von Landesgrenzen sind nicht nur mit einem gefährlichen Halbwissen träumerisch in den Himmel gemalt, sondern knallhart recherchiert und anhand von Beispielen, welche teilweise schon ihre Anfänge zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten, argumentiert.

Mit den Worten von Oscar Wilde: „Progress is the realization of Utopias“! – Welcher DDR Bürger hat damals wirklich daran geglaubt, dass man eines Tages nur noch 5 Tage die Woche zur Arbeit gehen würde?! – Lasst uns nie aufhören an eine bessere Welt zu glauben! Alles ist möglich!

Don’t let anyone tell you what’s what. If we want to change the world, we need to be unrealistic, unreasonable, and impossible.
Remember: those who called for the abolition of slavery, for suffrage for women, and for same-sex marriage were also once branded lunatics.
Until history proved them right.

S. 264