1610 – 26. Wo de Ostseewellen trecken an den Strand!


Es ist Montag der 06. April 2020. Ich sitze mit einer ersten Tasse Kaffee im Bett und schaue aus dem Fenster in die Welt da draußen.
Heute ist unser letzter Tag in Quarantäne und ich versuche zu reflektieren, was die letzten Tage so passiert ist und vor allem gucke ich nach vorne und freue mich so sehr auf unsere Freiheit!

Obwohl, kann man es so richtig Freiheit nennen?
Ein Grund, wenn nicht sogar einer der Hauptgründe, warum ich in Rostock wohne, ist das Meer vor unserer Haustür. Dieses brauche ich um durchatmen zu können, um mich frei zu fühlen, um zu begreifen dass ich all die Komsumgüter dieser Welt nicht brauche. Ihr könnt Euch bestimmt vorstellen, dass dies vor allem jetzt mein absoluter Sehnsuchtsort ist.
Und dann lese ich in der Verordnung zur Bekämpfung der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2, dass uns tagestouristische Ausflüge an die Ostseeküste über die Ostertage untersagt werden.

Ach Frau Schwesig, wem wollen Sie denn damit etwas beweisen?
Wer soll denn jetzt noch Ihre politischen Schritte logisch nachvollziehen können?

Wir dürfen uns nach einer Urlaubsrückreise über mindestens zwei Risikogebiete dieser Welt wieder unbeeindruckt in das öffentliche Leben mischen, es dürfen aber nun alle Einwohner Mecklenburg-Vorpommerns, welche sich seit Wochen an Ihre Vorgaben halten, nicht mal einen Schritt aus ihren gewohnten Umkreis heraus machen!?
Wir haben es doch begriffen! Wir halten in Supermärkten Abstand. Wir halten an meterbreiten Stränden Abstand. Wir sind entweder alleine oder zu zweit in der Öffentlichkeit anzutreffen. Wir besuchen schweren Herzens unsere Großeltern nicht.
Und die, die es nicht begriffen haben, werden sich auch an Ostern nicht an die Regeln halten!

Liebe Frau Schwesig, vergessen Sie bitte nicht, wir sind keine Urlauber, wir leben hier!
Und zu unserem Leben gehören die Ostseeinseln ebenso wie die Ostseeküste!

Am Rande – Was macht man eigentlich 2 Wochen in häuslicher Quarantäne?

Die ersten Tage waren wir noch hochmotiviert unsere Wohnung auf Vordermann zu bringen.
Dann stellte sich aber schnell heraus, wenn man einmal das Chaosgen vererbt bekommen hat, dann ändern auch 2 Woche Quarantäne daran nichts.

Als nächstes war ich hochmotiviert eine neue Sprache zu lernen. Polnisch.
Die Lernapp war mir dann am Ende aber zu teuer und somit ist es bei Tak und Nie geblieben.

Ich habe, wie so viele andere derzeit, puzzeln wieder für mich entdeckt. Warum habe ich das eigentlich seit meiner Kindheit nicht mehr gemacht? Stundenlang habe ich konzentriert die kleinen Teile angestarrt und dabei einfach an gar nichts anderes gedacht.

Als nächstes habe ich mir ein simples Architektenprogramm runter geladen und mich damit in meine Jugendzeit zurückversetzt. Wie damals bei den Sims habe ich vollkommen fasziniert ein Haus nach dem anderen gebaut und eingerichtet. Im amerikanischen Stil. Wenn wir mal ein Haus haben sollten, dann nur mit großer Veranda und einer Hollywoodschaukel neben der Eingangstür.

Die letzten Tage waren aber dann wohl wirklich die produktivsten. Nachdem wir uns an unseren neuen Alltag halbwegs gewöhnt hatten, haben wir unsere Wohnung in ein Kreativstudio verwandelt. Wir haben gegen Mittag angefangen zu arbeiten und erst spät abends aufgehört. Christian hat all unsere Urlaubsbilder in Lightroom und Photoshop bearbeitet und sogleich ein perfekt abgestimmtes Fotobuch erstellt. Ich habe mich mit InDesign vertraut gemacht und endlich mein lang versprochenes Buch fertig gestellt. Es hat einfach nur Spaß gemacht. Wusste der Eine mal nicht weiter, hatte der Andere schon die Lösung parat. Teamwork makes the dream work!

Und natürlich ist man auch einfach nur faul und träge, liegt zu lange im Bett, langweilt sich tagelang, schaut zu viel Netflix. Wann kommt eigentlich Haus des Geldes Staffel 5 raus?

1610 – 25. Die nächsten Wahlen kommen bestimmt!

Am letzten Montag habe ich Euch ja bereits kurz geschildert, wie Unzufrieden ich mit der Landesregierung Mecklenburg-Vorpommern in Zeiten der Corona-Krise bin.
Da sich meine Ausführungen im Laufe der Woche leider bestätigt haben, möchte ich darauf heute noch einmal detaillierter eingehen.

Durch die mehrfachen Annullierungen unseres Rückfluges haben wir am 19.03.2020 insgesamt 16 Stunden am Flughafen von San Francisco verbracht. Zu diesem Zeitpunkt wurden in den USA, insbesondere Kalifornien, bereits langsam die ersten Maßnahmen zur Eindämmung der Verbreitung des Virus‘ umgesetzt, jedoch war davon am Flughafen noch nicht viel zu merken. In meinen Augen lief alles ab wie immer, nur das eventuell ein paar weniger Passagiere unterwegs waren. Menschen aus aller Welt saßen gemeinsam im Foodcorner, fassten noch mal eben im Shop dies und das an, standen beim Boarding gelassen nebeneinander.

Unser Flug ging knapp 10 Stunden und ich habe mir währenddessen Gedanken gemacht, wie die Einreise in Großbritannien wohl ablaufen wird, ob man uns als deutscher Staatsbürger aus einem Risikogebiet kommend überhaupt einreisen lässt.
Auch in London lief folgend alles so ab, wie zuvor schon in San Francisco. Es waren gefühlt weniger Menschen unterwegs, aber von einer Pandemie war auch hier nichts zu merken. Wir haben einen Flyer mit Hygienetipps in Zeiten von Conora in die Hand gedrückt bekommen und gingen anschließend durch die elektronische Passkontrolle. Kein menschliches Wesen interessierte sich für uns und so saßen wir 20 Minuten nach Verlassen des Flugzeuges schon im Taxi auf dem Weg zu unserem Hotel.

Am 22.03.2020 ging es für uns endlich nach Hause. Nachdem wir das Hotelzimmer 2 Tage lang nur kurz für die Nahrungsaufnahme verlassen hatten, machten wir uns gegen 12 Uhr wieder auf zum Flughafen.
Am Sonntag hat man hier schon versucht, ein paar Maßnahmen umzusetzen, jedoch war man der Passagiermenge bei Weitem nicht gewachsen. Insbesondere die Schlange für die Überseeflüge war extrem lang und die Menschen standen dicht an dicht. Bis zum Boarding konnten wir einer solchen Menschenansammlung ganz gut aus dem Weg gehen. Als dann der Aufruf kam, dass wir das Flugzeug nun betreten dürfen, zeigte sich das wohl allseits bekannte Bild. 75% der Passagiere hatten Angst, dass der Flieger ohne sie abhebt und atmeten aufgeregt an dem Rücken des Vordermann klebend in dessen Ohr.

Kommen wir zum dritten internationalen Flughafen unserer Rückreise, Hamburg. Wir landeten am Sonntagabend und es war auch hier wieder vergleichsweise etwas weniger los als vermutlich normal. Es wollte niemand von uns wissen, woher wir gekommen sind. Von diesen angeblich eingeführten Einreisekarten haben wir nichts mitbekommen. So ging es für uns schnell durch die elektronische Passkontrolle, anschließend zum Gepäckband und schwuppdiwupp saßen wir nach 3 Wochen in Kalifornien wieder in unserem Auto. Auch am Hamburger Flughafen gab es keine vermehrten Kontrollen oder erhöhtes Sicherheitspersonal.
Mit ein Paar Scheuklappen und Digital Detox für die Zeit unseres Urlaubes hätte die ganze Krise auch einfach an uns vorbei gehen können.

Dies war nun noch einmal die genaue Schilderung wie unser Rückflug abgelaufen ist. Aufgrund dessen und unseres Aufenthaltes in einem internationalen Risikogebiet war ich der festen Überzeugung, dass wir uns sofort in Quarantäne begeben müssen.

Das Gesundheitsamt Rostock und auch die Universitätsmedizin Rostock verweisen auf ihren Websiten auf die Seite des deutschen Infektionsschutzes bei Fragen zum Thema Corona.
Dort stand vor einer Woche noch, dass Rückkehrer aus Risikogebieten sich in behördlich angeordnete Quarantäne begeben müssen. (Siehe Screenshot; Wie ich gerade gesehen habe, ist dieser Abschnitt -29.03.2020- entfernt worden.)


Wir haben uns dementsprechend am 23.03.2020 beim Gesundheitsamt telefonisch gemeldet, welches uns mitteilte, dass dies so für Mecklenburg-Vorpommern nicht zutrifft. Das Land hat einen eigenen Erlass für Rückkehrer veröffentlicht.

„1. Personen, die sich innerhalb der letzten 14 Tage in einem Risikogebiet … entsprechend der jeweils aktuellen Festlegung durch das Robert-Koch-Institut aufgehalten haben, wird empfohlen für einen Zeitraum von 14 Tagen … im häuslichen Bereich zu arbeiten.“

Würde das Land eine Quarantäne anordnen, müsste es auch für den Lohnausfall aufkommen.
So lange dies nicht der Fall ist, muss die betroffenen Person sich mit dem Arbeitgeber einigen und im schlimmsten Fall für diesen Zeitraum unentgeltlich zuhause bleiben.
Sogleich gelten durch diesen Erlass für die betroffene Person die selben Regeln wie für die restliche Bevölkerung. Wir HÄTTEN arbeiten gehen können, wir HÄTTEN einkaufen gehen können, usw..

Witzigerweise werden uns durch den Erlass aber durchaus bestimmte Dinge untersagt, nämlich

„3. Es ist Personen, die sich innerhalb der letzten 14 Tage in einem Risikogebiet … aufgehalten haben für einen Zeitraum von 14 Tagen untersagt folgende Einrichtungen zu betreten:
d) Einrichtungen der öffentlichen Verwaltungen.“
.

Welch Doppelmoral! Nicht zahlen wollen, sich selber aber wegen des Ansteckungsrisikos abschirmen!!!!

Wir haben die ersten 2 Tage nach unserer Rückkehr nur mit Telefonieren verbracht. Wie verhalten wir uns richtig? Intuitiv sind wir zuhause geblieben, aber wer kommt für den Lohnausfall auf? Fragen über Fragen. Ich war auf 180, mein Puls ununterbrochen am Anschlag.

Und dann kam am Mittwoch der Anruf, WOMIT JA NIEMAND NACH DER OBEN BESCHRIEBENEN TORTUR UNSERER RÜCKREISE IN ZEITEN VON CORONA IM LANDTAG MECKLENBURG-VORPOMMERN HÄTTE RECHNEN KÖNNEN!!!!

Auf unserem Flug von London nach Hamburg saß eine Reihe vor uns jemand, der positiv auf Corona getestet wurde! Wir müssen uns sofort in häusliche Quarantäne begeben und dürfen die Wohnung 14 Tage nicht verlassen.

Tag 8 der Quarantäne. Vorsicht ist besser als Nachsicht. Die nächsten Wahlen kommen bestimmt!

1610 – 24. In Rostock ist auch kein Conora! Rostock ist stabil!

Nie im Leben hätte ich gedacht, dass in 3 Wochen so viel passieren kann. Ich weiß gar nicht, wo ich heute anfangen soll.

Genau heute vor 3 Wochen sind wir nach Kalifornien geflogen und von diesem Urlaub wollte ich Euch heute eigentlich erzählen.
Nun habe ich die Ostsee Zeitung vom 2. März neben mir liegen. An diesem Tag wurde von 117 Corona-Fällen Bundesweit gesprochen. Ich habe irgendwie schon kommen sehen, dass das Ausmaß vielleicht etwas größer wird, aber ich habe doch sehr darauf vertraut, dass dieser Umkreis genauso wie bei dem Ausbruch in der Firma Webasto im Februar schnell eingegrenzt wird.

Dies bestätigte mir auch das Bild am Flughafen. Vereinzelt lief mal jemand mit einem Mundschutz rum, aber ansonsten war von einer Pandemie nichts zu merken. So flogen wir also in die USA und konnten dort spannende 1,5 Wochen verbringen, bevor die Situation so langsam aus dem Ruder zu liefen schien. (Zu dem Urlaub kommt auf jeden Fall noch ein Bericht!)
Trump schloss die Grenzen für Europäer, die ersten Toilettenpapierregale in den Supermärkten waren leer, es befanden sich immer weniger Menschen auf den Straßen, das Robert-Koch-Institut stufte Kalifornien als internationales Risikogebiet ein.

Einen Tag vor unserer Rückreise wurde unser Flug über London nach Hamburg annulliert. Da wir sehr schnell auf einen neuen Flug über Washington und Amsterdam am nächsten morgen umgebucht wurden, machte ich mir wenig Sorgen über die Heimreise und genoß einfach noch einen Abend mehr die Luft in San Francisco.
Als wir am nächsten Tag am Flughafen eintrafen, hatte die neue Airline keine Reservierung für uns vorliegen. Bis wir jemanden von der ursprünglichen Fluggesellschaft in der Leitung hatten, war das Flugzeug auch schon weg.
Ich habe lange mit der Dame nach einer Lösung gesucht, sie konnte keinen Flug für uns nach Hamburg finden. Somit haben wir uns am Ende darauf geeinigt, dass wir am Abend erstmal bis nach London fliegen und unsere Weiterreise anschließend selber organisieren. Wir verbrachten 16 Stunden am Flughafen in San Francisco mit sämtlichen Menschen von der großen weiten Welt. Von einer Pandemie war dort nichts zu merken.
Für den Abend unserer Ankunft in London (Freitag) haben wir einen Weiterflug nach Hamburg finden können, welchen uns die Dame aufgrund einer fehlenden Kooperation nicht anbieten konnte. Kaum hatten wir diesen gebucht, wurde er auch schon wieder annulliert.
Wir konnten nichts anderes machen, als auf Sonntagnachmittag umzubuchen. Die wenigen verbliebenen Flüge vorher waren vermutlich alle ausgebucht. Somit saßen wir noch 2 Tage in London fest, bevor wir uns endlich auf den Weg nach Hause machen konnten.
Hätte mir zuvor jemand gesagt, dass ich aus den Staaten mal eine so komplizierte Heimreise haben werde, hätte ich schmunzelnd erwidert, dass ich das mit links und 40 Fieber in 16 Stunden mache!

Jetzt sind wir endlich Zuhause und nun fängt der Irrsinn erst richtig an.
Wir haben uns schon unterwegs schlau gemacht, wie wir uns jetzt verhalten müssen. Da es mir anfangs schwer fiel Antworten auf meine Fragen zu finden, habe ich kurzerhand beim Bürgertelefon der Hansestadt Rostock angerufen. Die nette Dame gab mir die Auskunft, dass wir uns sofort in Quarantäne begeben müssen und diese der Hausarzt verordnet.
So rief ich also heute früh bei meiner Hausärztin an und dort wusste man nichts davon, Krankschreibung ja, aber Quarantäneverordnung, nein. Das Gespräch war schnell beendet und ich war genauso ratlos wie vorher. Mein nächster Anhaltspunkt war dann das Gesundheitsamt. Da laufen die Telefone natürlich gerade heiß, aber ich habe es letztendlich geschafft und erhielt dann folgende Aussage:

„Es empfiehlt sich für Sie sich zwei Wochen in häuslicher Isolation zu begeben. Jedoch spricht das Gesundheitsamt keine direkte Isolation aus. Dies sollten Sie ggf. mit Ihrem Arbeitgeber besprechen.“

Wir haben uns 3 Wochen in einem vom RKI ausgewiesenen internationalen Risikogebiet aufgehalten! Wir haben auf unserer Heimreise 2 internationale Drehkreuze durchlaufen mit unzähligen Menschen, wo keiner weiß, aus welchen Teilen der Welt diese gerade gekommen sind! Neben diesen Menschen saßen wir 13 Stunden im Flugzeug eng an eng! Genauso können wir diese Menschen natürlich bereits angesteckt haben.
Das Gesundheitsamt verweist zudem auf seiner Homepage auf die offizielle Homepage des Infektionsschutzes wenn es um offene Fragen geht, wo ausdrücklich geschrieben steht, dass Menschen, welche sich im Risikogebiet aufgehalten haben, in Quarantäne müssen!

Aber hey, es EMPFIEHLT sich, sich in Isolation zu begeben.
Ich gehe lieber Arbeiten, denn in Rostock ist auch kein Conora! Rostock ist stabil!

(https://www.youtube.com/watch?v=XjMnTBexc_c -> Bitte anschauen)

Ich weiß, dass wir uns gerade in einem absoluten Ausnahmezustand befinden. Ich bin mir bewusst, dass viele ja einfach selber nicht wissen, wie sie gerade handeln müssen und was in einer solcher Situation zu tun ist. Ich bin letzten Endes auch einfach nur unsicher. Muss ich in Quarantäne, muss ich nicht? An wen muss ich mich wenden? Wie verhält es sich finanziell?
Ich suche verlässliche Antworten und diese sind als Betroffener gerade verdammt schwer zu finden. Es ist zum Mäuse melken.

Tag 1 der Quarantäne, ich bin gespannt wie es weiter geht.
Bleibt gesund und munter!

Edit 13:45 Uhr: Das Virus macht tatsächlich einen Bogen um Mecklenburg-Vorpommern. Mir wurde soeben der Erlass vom Land Mecklenburg-Vorpommern durch das Gesundheitsamt zugestellt. Es wird uns lediglich empfohlen uns zu isolieren.