Es gibt Wochen, in denen kreiere ich meine Kolumne fast ohne darüber nachzudenken. Ein kleiner Spaziergang und eine ausgiebige Dusche später weiß ich Wort für Wort, was ihr am kommenden Montag zu lesen bekommt und muss es nur noch fix runter schreiben.
Und dann gibt es so Wochen wie die Letzte. Zuerst war ich krank, dann kamen wundervolle familiäre Verpflichtungen dazu und dann war auch noch Wind. Es ist jetzt Sonntag Abend und die Uhr zeigt 22:32 Uhr an. Wer mich etwas besser kennt, der weiß, dass ich eigentlich schon seit einer halben Stunde schlafen würde/müsste.
Die Verlockung war sehr groß, morgen einfach einmal blau zu machen.

Eine kurze Umfrage in meiner Instagram Story, bei welcher ich von Euch wissen wollte, ob ich lieber noch schnell in die Tasten hauen oder einfach gemütlich Polizeiruf 110 schauen sollte, bestätigte mein Vorhaben. So gut wie alle hatten Verständnis für mein kleines Zeitproblem, obwohl ich die Gründe noch nicht einmal dargelegt hatte. Und dann kam mir ein Zitat aus einem Interview in dem Süddeutsche Zeitung Magazin in den Sinn und nun habe ich den Laptop doch noch mit ins Bett genommen.

Es ist nicht der Einzelne, der gestresst ist, wir leben in einer Kultur, die in sich fragmentiert, zerrissen, anstrengend, eben unruhig ist, in einer Gesellschaft, die sich als ruhe- und rastlos präsentiert. Wenn ich zu einem Nachbarn oder Freund sage: „Ich muss los“, werde ich sofort verstanden, weil wir alle Leute sind, die demnächst losmüssen.

Interview im SZ Magazin mit Ralf Konersmann

Und dem kann ich nichts mehr hinzufügen.
Ich bin die Erste, die absoluten Verständnis hat, wenn jemand zu spät kommt, wenn jemand keine Zeit hat, wenn jemand kurzfristig ein Treffen verschiebt.
Manches Mal bin ich traurig, aber da ich selber zu gut weiß, wie es ist, keine Zeit zu haben, schaue ich drüber hinweg und freue mich auf das nächste Mal.
Manches Mal bin ich erleichtert, weil auch ich nicht so richtig Zeit gehabt hätte, weil der Schuh auch noch an einer anderen Stelle drückt und ich nun so gelassener diese Delle beheben kann.

Aber, sind wir mal ehrlich, es sind doch überwiegend immer nur die fürs eigentliche Leben – Genuss, Freude, Leichtigkeit – nicht relevanten Zeitfresser, die uns die Zeit für die Nachbarn und die Freunde nehmen, die uns rastlos werden lassen.
Manches Mal wünsche ich mir eine 2. Corona Welle, einfach nur, um sich nichts vornehmen zu können und mal wieder Zeit zu haben. Leider habe ich nämlich jetzt schon wieder das Gefühl, dass von diesem Aufbruch oder auch Umdenken nichts hängen geblieben ist.

In diesem Sinne:
Wenn ich das nächste Mal sagen will: „Ich muss los!“, werde ich mich hoffentlich an meine Worte von heute erinnern und anstatt dessen sagen: „Heute mach ich blau!“.

Am Rande (Dazu passend) – Was ich nicht mehr mache:

Studieren.
Wenn die Fernuni Hagen in ihrer Studienbeschreibung schreibt, dass man für ein Halbtagsstudium 20 Stunden Zeitaufwand in der Woche benötigt, dann meint die Fernuni Hagen das auch so.

Anfangs war meine Euphorie noch sehr groß und ich habe die Bearbeitung der Module ganz gut in meinen Alltag integriert bekommen. Jedoch bin ich nach nur wenigen Wochen immer mehr in Verzug geraten.
Ich bin meiner normalen Arbeit (35h) nachgegangen, ich stecke mittlerweile immer mehr Zeit in diesen Blog (15h), ich habe ein wundervolles Privatleben und verbringe liebend gerne Zeit mit meinem Partner, mit meinen Freunden und meinen quirligen Nichten. Noch einmal zusätzliche 20 Stunden haben ich mit all dem nicht vereinbart bekommen.

Zudem gibt es pro Semester immer nur einen Prüfungstermin, an welchem man persönlich anwesend sein muss. Dieser fiel passenderweise immer genau in unseren Urlaub, welchen wir nie einfach zuhause abbummeln.

Ich bin nach wie vor sehr an dem Thema Psychologie und vor allem an dem Teilgebiet Arbeitspsychologie interessiert. Die Fernuni Hagen war für die Erweiterung meiner Kenntnisse aber am Ende nicht der richtige Weg.

Ich halte weiter Ausschau und vielleicht findet sich ja bald für den Einstieg erst einmal eine passende Weiterbildung.

P.S. Ich ziehe meinen Hut vor all Euch Menschen da draußen, die neben der Arbeit solch ein Studium durchziehen. Mit Anfang 20 fiel mir das noch leicht und ich habe das irgendwie abgetan. Mit Anfang 30 merke ich, dass man dies nicht einfach mit links und 40 Fieber durchziehen kann.
Seid stolz auf Euch und erobert Euch Euer Leben zurück, wenn ihr diesen Meilenstein geschafft habt.