Wenn ich mich an meine Schulzeit zurückerinnere, erinnere ich mich an Mitschüler, welche früh wussten, welchen Job sie einmal ausführen möchten und sogleich alles dafür getan haben.
Einige von diesen Mitschülern sind heute, 11 Jahre nach unserem Schulabschluss, in diesem Job tätig und genauso enthusiastisch wie damals.
Ich zählte nicht zu dieser Gruppe. Ich gehörte zu denen, die alles auf sich zukommen ließen, die lieber unter der Woche bis das Licht anging im Club waren und ohne großen Aufwand, aber auch nicht mit den besten Noten, das Abitur bestanden haben.

Meine „Berufung“ war nie eine frühe Eingebung, meine „Berufung“ ist ein Weg aus Erfahrungen und Erkenntnissen und aus Loslassen.

Auch nach dem Abitur wusste ich immer noch nicht, was ich mit meiner Zunkunft anfangen möchte. Ich habe mich mit der erstbesten Option zufrieden gegeben und eine Ausbildung zur Bankkauffrau absolviert. Ziemlich schnell hatte ich mich an die finanzielle Unabhängigkeit gewöhnt und bin so in die Festanstellung als Beraterin geschlittert. Glücklich war ich damit nie. Die kaufmännische Richtung hat mir durchaus gefallen, aber das Verkaufen von Konten und Versicherungen hat mir unzählige schlaflose Nächte bereitet.
Ich musste etwas ändern, darauf aufbauen und somit befand ich mich in einem berufsbegleitendem BWL Studium wieder. Die erlernten Kenntnisse konnte ich dann auch als Assistentin der Geschäftsleitung anwenden, aber so richtig erfüllt hat mich auch diese Position nicht. Ich war zwar nicht mehr an der Front, aber immer noch in der Bank. Nach nur wenigen Monaten habe ich meine Kündigung eingereicht.
Ich hatte die Hoffnung, dass ich auf meiner anschließenden Weltreise die erwünschte Erleuchtung erlange. Ich habe meinen Horizont erweitert, neue Länder und Kulturen kennengelernt, Unmengen an neuen Erfahrungen gesammelt, aber eine Erleuchtung erfuhr ich nicht. Ich konnte die Vorstellung von meiner Berufung freilich etwas näher einkreisen, einen genauen Weg hatte ich jedoch nicht vor Augen.
Und somit habe ich mich nach meiner Rückkehr wieder ausprobiert. Der erste Job hat mir weniger zugesagt, hat mir aber wiederum die Tür für den Folgenden geöffnet. Als Projektmanagerin in der medizinischen Forschung habe ich mich mit meiner Tätigkeit sehr wohl gefühlt, nur leider machte mir dort die Arbeitsumgebung einen Strich durch die Rechnung…

Und dann kommt irgendwann der Punkt an dem man anfängt zu zweifeln. Wer bin ich und was mache ich hier? Wieso komme ich nicht an? Wieso kann ich mich nicht einfach zufrieden geben?
Ich habe immer mal wieder überlegt, ob ich nochmal ein Studium aufnehme, was ganz anderes. Der Gedanke daran, dass ich ja dann schon Mitte dreißig bin, wenn ich dieses abschließe, hat mich aber jedes Mal davon abgehalten… bis zu dem Zeitpunkt in diesem Jahr, als ich mich mit einer Freundin gestritten habe.

Kurzum ging es darum, dass ich um Rat gebeten wurde, mit meinem psychologischen Alltagswissen/vermutungen reagiert habe und am Ende nicht Ernst genommen wurde, da es sich um Westentaschenwissen und nicht um wissenschaftlich fundiertes Wissen handelte.
Wenn man diesen Sachverhalt näher betrachtet, ist dies volkommen richtig. Ich interessiere mich sehr für psychologische Zusammenhänge, belese mich und versuche dann nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln, richtig „gelernt“ habe ich dies aber nicht.
Und dann habe ich mich von dem Gedanken gelöst, dass ich ja schon Mitte dreißig bin, wenn ich jetzt ein Studium beginne und habe mich einfach eingeschrieben. Ich Interessiere mich brennend für dieses Thema, liebe es darüber zu philosophieren, wieso mache ich mir also diese sogenannte intrinsische Motivation nicht zu Nutze?

Seit dem 01.10.2019 studiere ich nun also Psychologie an der Fernuni Hagen. Nebenberuflich. Ich arbeite nach wie vor in der kaufmännischen Betriebsführung, denn wie Anfangs erwähnt, fühle ich mich grundsätzlich in diesem Gebiet und vor allem bei meinem jetzigen Arbeitgeber gut aufgehoben. Dennoch habe ich mit dem Entschluss das Studium zu beginnen und der Zuversicht, dass ich die beiden Bereiche in der Zukunft vereinen kann, noch mehr Zufriedenheit erlangt. Denn meine Berufung ist keine Eingebung, sondern wie ich herausgefunden habe, ein Weg.
Stück für Stück werde ich diesen gehen und vielleicht in 10 Jahren wieder ein ganz andere Richtung einschlagen, aber was ist daran schlimm, so lange es mich glücklich macht!?

Solltet auch ihr Euch in diesen Zeilen wiederfinden, das Gefühl zu haben, auch nach Jahren noch nicht den passenden Job auszuführen, dann gebt nicht auf, fangt Neues an, scheitert und steht wieder auf, folgt Eurer Intuition und Eurer intrinsischen Motivation.
Es ist vollkommen Okay den Karrierepfad mit Bergen und Tälern und nicht die Karriereleiter zu gehen.