Lord Nelson

Kurz nachdem ich euch letzte Woche erzählt habe, wie schwierig sich die Jobsuche gestaltet, habe ich einen Anruf bekommen und durfte am gleichen Abend in einem Restaurant, 5 Minuten von meiner Wohnung entfernt, anfangen zu kellnern. 

Was lange währt, wird gut oder vielleicht auch Geduld zahlt sich aus. Ich bin mir nicht sicher, welche Phrase am besten passt, da ich theoretisch mit Geduld nicht viel am Hut habe. Vielleicht doch eher am Ende wird alles Gut! 

Ich habe die erste Arbeitswoche hinter mir und hätte es nicht besser treffen können.
Das Restaurant ist nach dem großen Lord Nelson benannt, welcher so einige Seeschlachten für sich entscheiden konnte und am Ende die napoleonische Flotte vernichtete. Wenn ich bei Wikipedia seine Geschichte nachlese, steht zu seinen Führungseigenschaften geschrieben: „Er war bekannt dafür, dass er mit seinen Untergebenen verständnisvoll umging und ihnen eher einfühlsam als mit Autorität begegnete. Mit Mut, Entschlossenheit und seiner Ausstrahlung motivierte er sie und holte aus ihnen das Beste heraus.“

Diese Beschreibung könnte 1 zu 1 auch für meine neue Chefin zutreffen. Ady ist die gute Seele des Restaurants und immer um mein und das Wohl meiner Kolleginnen besorgt. Bereits nach unserem ersten gemeinsamen Tag hat sie mir erzählt, wie gerne sie mich um sich rum hat, da sie sich um mich keine Gedanken machen muss und ich so viel Ruhe ausstrahle. Mit der Aussicht auf mehr Verantwortung starte ich nun morgen in meine zweite Arbeitswoche. 

Theoretisch war mein Plan nur um die 20 Stunden arbeiten zu gehen und die restliche Zeit für mich zu nutzen. Diesen Plan habe ich bereits nach 3 Tagen über Bord geworfen. Es zeigt sich mir hier mal wieder deutlich, wenn man in einem harmonischen und humorvollen Team arbeitet, fühlt sich arbeiten nicht wie arbeiten an. Ich fühle mich nach dieser ersten Woche bereits als vollwertiges Teammitglied. Die Mädels sind super freundlich und hilfsbereit und auch die Jungs aus der Küche zu jeder Zeit verständnisvoll. Als ich Ady diesen Eindruck schilderte, entgegnete Sie mir nur, dass wir alle alleine in Neuseeland sind, unsere Heimat weit weg ist und wir doch deswegen eine Familie sein müssen. Was soll ich dem noch hinzufügen?!

Wer von Euch etwas neidisch auf meine Opossumjagd war, wird vielleicht auch den letzten Pluspunkt meiner Arbeit nicht ganz unbeachtet lassen können. Den Dienst beenden wir nämlich immer damit, dass wir alle Abendbrot zusammen essen. Und mit Abendbrot meine ich ein saftiges Steak und ein leckeres Glas Rotwein. Ich habe bereits etwas besorgt gegooglet, ob 7 Tage in Folge Steak essen gesund ist. 😉

Ich habe sehr viel Spaß bei der Arbeit, vor allem auch bei der Bedienung unserer Gäste. Hatte ich in der Vergangenheit oft das Gefühl nicht meiner richtigen Berufung nachzugehen, bin ich mittlerweile der Meinung, dass ich diese gefunden habe. Zum Einen bin ich einfach mit Leib und Seele gerne Assistenz und zum Anderen liebe ich es Menschen zu betüdeln und sie mit einem Lächeln im Gesicht nach dem Restaurantbesuch wieder in den Alltagswahnsinn zu entlassen. Meine nächste Herausforderung wird es sein, diese beiden Punkte im nächsten Jahr in Verbindung zu bringen. 

Wie Lord Nelson plane ich für das letzte Stück meiner Heimreise nach Deutschland den Weg über das Meer. Eventuell wird mir keine Kriegsflotte zur Verfügung stehen, sondern nur eine Fähre, aber ich komme auf dem Seeweg nach Hause und werde den ersten Fuß auf deutschem Boden somit in der schönsten Stadt setzen!

… und stets eine Handbreit Wasser unterm Kiel!
Eure Claudi